3. Sollten Väter gesetzlich verpflichtet werden, mindestens die Hälfte der Elternzeit zu nehmen?
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Dieser Artikel behandelt die aktuelle Verteilung der Elternzeit zwischen Müttern und Vätern in Deutschland und diskutiert Vorschläge zur Änderung des Elterngeld-Systems. Der Artikel wurde am 15. Mai 2023 in der 'Süddeutschen Zeitung' veröffentlicht.
Mehr als nur 'Wickelvolontariat': Warum wir eine neue Väterpolitik brauchen
Thomas Weber | Süddeutsche Zeitung | 15. Mai 2023
Seit der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 hat sich das Bild deutscher Familien spürbar gewandelt. Sah man früher fast ausschließlich Mütter auf den Spielplätzen, gehören heute Väter mit Kinderwagen zum alltäglichen Straßenbild. Die Statistik scheint diesen Erfolg zu bestätigen: Nahmen vor der Reform kaum drei Prozent der Väter eine Auszeit für den Nachwuchs, sind es heute über 40 Prozent. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein Ungleichgewicht, das Experten zunehmend kritisieren.
Die große Mehrheit der Väter beschränkt sich nämlich auf die zwei sogenannten 'Partnermonate', das Minimum, das nötig ist, um die volle Bezugsdauer des Elterngeldes von 14 Monaten als Paar auszuschöpfen. Kritiker bezeichnen diese zwei Monate oft spöttisch als 'Väter-Ferien' oder 'Wickelvolontariat'. In vielen Fällen nehmen die Väter diese Zeit parallel zur Mutter, um gemeinsam als Familie zu verreisen. Das ist zwar wertvoll für die Bindung, ändert aber wenig an der traditionellen Rollenverteilung im Haushalt. Die 'Care-Arbeit' – also das Kümmern, Pflegen und Organisieren – bleibt weiterhin überwiegend an den Frauen hängen.
Soziologen und Gleichstellungsbeauftragte fordern daher radikalere Schritte. Ein Modell, das derzeit diskutiert wird, ist die 'Familienarbeitszeit' oder eine verpflichtende Aufteilung der Elternzeit nach dem Prinzip '7 plus 7'. Das würde bedeuten, dass das volle Elterngeld nur ausgezahlt wird, wenn beide Partner jeweils sieben Monate zu Hause bleiben. Befürworter argumentieren, dass nur so die 'Väterfalle' im Beruf und die 'Mütterfalle' zu Hause aufgebrochen werden können. Wenn Väter länger im Job fehlen, wird ihre Abwesenheit zur Normalität, und Mütter hätten bessere Chancen, schneller wieder in den Beruf einzusteigen. Studien aus Skandinavien zeigen, dass eine gleichmäßigere Aufteilung der Elternzeit langfristig zu stabileren Partnerschaften und einer gerechteren Verteilung der Hausarbeit führt, auch Jahre später.
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Diese Grafik zeigt statistische Daten zur Inanspruchnahme von Elterngeld in Deutschland, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Dauer. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt (Destatis) aus dem Jahr 2022.
Elterngeld in Zahlen: Wer bleibt wie lange zu Hause?
Ein Balkendiagramm vergleicht den Anteil der Mütter und Väter, die Elterngeld beziehen, sowie die durchschnittliche Dauer der in Anspruch genommenen Elternzeit.
Label | Value |
|---|---|
Anteil der Mütter mit Elterngeldbezug | 97,4 % |
Anteil der Väter mit Elterngeldbezug | 43,7 % |
Durchschnittliche Bezugsdauer (Mütter) | 14,6 Monate |
Durchschnittliche Bezugsdauer (Väter) | 3,6 Monate |
Väter, die maximal 2 Monate nehmen | 78,0 % |
Hauptgrund gegen längere Väterzeit | Finanzielle Nachteile (64 %) |
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022
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In diesem Interview spricht Sabine Müller, Vorsitzende des Vereins 'Familienfreiheit e.V.', über die Forderung nach einer gesetzlichen Quote für Väter in der Elternzeit. Das Interview wurde ursprünglich am 20. Juni 2023 im Deutschlandfunk gesendet.
Interview: 'Der Staat hat im Wohnzimmer nichts zu suchen'
Sabine Müller (Interviewpartnerin) | Deutschlandfunk | 20. Juni 2023
Moderator: Frau Müller, immer mehr Stimmen aus der Politik fordern, dass Väter gesetzlich verpflichtet werden sollten, mehr Elternzeit zu nehmen, etwa durch eine 'Väter-Quote'. Sie lehnen das strikt ab. Warum?
Sabine Müller: Ich halte das für einen massiven Eingriff in die Privatsphäre. Wie eine Familie ihr Leben organisiert, wer wann arbeitet und wer sich um die Kinder kümmert, das ist eine zutiefst persönliche Entscheidung. Der Staat hat im Wohnzimmer nichts zu suchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass jede Familie anders ist.
Moderator: Aber die Befürworter sagen, ohne Zwang ändert sich an den alten Rollenbildern nichts. Väter trauen sich oft nicht, im Job kürzerzutreten.
Müller: Das mag sein, aber Zwang ist der falsche Motivator. Schauen Sie sich die Realität an: In vielen Familien verdient der Mann immer noch mehr als die Frau. Wenn der Staat nun vorschreibt, dass der Hauptverdiener sechs oder sieben Monate zu Hause bleiben muss, bringt das viele Familien in finanzielle Bedrängnis. Das Elterngeld deckt ja nicht das volle Gehalt ab. Eine solche Pflicht wäre also unsozial. Außerdem gibt es viele Mütter, die gerne das erste Jahr bei ihrem Kind bleiben möchten. Warum soll man ihnen das verbieten, nur um eine politische Statistik zu erfüllen? Wir brauchen bessere Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten, keine staatliche Bevormundung am Wickeltisch.
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