2. Sollten mehrere Generationen unter einem Dach leben?
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Dieser Artikel behandelt das Thema des Zusammenlebens mehrerer Generationen in einem Haushalt. Der Artikel wurde ursprünglich am 15. Mai 2023 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.
Zurück zur Großfamilie: Ein Modell mit Zukunft?
Sabine Lechner | Süddeutsche Zeitung | 15. Mai 2023
In einer Zeit steigender Mieten und teurer Kitaplätze erlebt ein fast vergessenes Lebensmodell eine Renaissance: das Mehrgenerationenhaus. Das Bild der Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind – prägte jahrzehntelang die deutsche Wohnlandschaft, doch der Trend kehrt sich langsam um. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für ein Leben unter einem Dach mit Großeltern, Eltern und Enkeln.
In München-Schwabing lebt Familie Huber dieses Modell seit drei Jahren. 'Anfangs war es eine rein finanzielle Entscheidung', gibt Thomas Huber (45) zu. Die Mieten in der Stadt waren für die junge Familie kaum noch tragbar, während seine Eltern allein in einem viel zu großen Haus am Stadtrand wohnten. Der Verkauf des alten Hauses und der gemeinsame Kauf eines Mehrfamilienhauses schienen die logische Lösung.
Doch schnell zeigten sich Vorteile, die weit über das Finanzielle hinausgehen. Für die siebenjährige Lena und den vierjährigen Paul sind Oma und Opa nun ständige Bezugspersonen im Alltag. 'Wenn ich lange arbeiten muss, ist immer jemand da', sagt Mutter Claudia. Das spart nicht nur Hortgebühren, sondern gibt auch ein Gefühl der Sicherheit. Umgekehrt profitieren die Großeltern enorm. Sie fühlen sich gebraucht und bleiben durch den Trubel der Kinder geistig und körperlich fit. Einsamkeit, ein wachsendes Problem vieler Senioren in Deutschland, ist im Hause Huber ein Fremdwort.
Soziologen bestätigen diesen Trend. Das 'Mehrgenerationenhaus' wird oft als pragmatische Antwort auf den demografischen Wandel gesehen. Wo staatliche Renten- und Pflegesysteme an ihre Grenzen stoßen, springt die Familie als Solidargemeinschaft ein. Die gegenseitige Unterstützung im Alltag – sei es beim Einkaufen für die Senioren oder bei der Hausaufgabenhilfe für die Enkel – schafft eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Dennoch warnt der Artikel davor, das Modell zu romantisieren. Es erfordert klare Absprachen und Toleranz. Bei den Hubers gibt es getrennte Wohneinheiten und feste Regeln, wann man einfach so 'reinschneien' darf. Ohne diese Grenzen kann der Traum vom harmonischen Großfamilienleben schnell zum Albtraum werden. Aber wenn es funktioniert, ist es ein Gewinn an Lebensqualität.
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Diese Grafik zeigt Daten zu den Beweggründen für das Zusammenleben mehrerer Generationen in Deutschland. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt, veröffentlicht im Jahr 2022.
Motivationen für das Mehrgenerationenwohnen

Ein Balkendiagramm, das die Hauptgründe zeigt, warum Familien sich entscheiden, mit mehreren Generationen in einem Haushalt zu leben.
Label | Value |
|---|---|
Finanzielle Vorteile / Mietkosten teilen | 42% |
Unterstützung bei der Pflege älterer Angehöriger | 28% |
Hilfe bei der Kinderbetreuung | 18% |
Vermeidung von Einsamkeit im Alter | 12% |
Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022
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Dieses Interview behandelt die psychologischen Herausforderungen des Zusammenlebens. Das Interview mit der Familientherapeutin Dr. Renate Weber wurde am 20. September 2023 im Deutschlandfunk gesendet.
Wenn Nähe zu eng wird: Konfliktpotenzial im Mehrgenerationenhaus
Moderator: Jan Hofer | Deutschlandfunk | 20. September 2023
Moderator: Wir sprechen heute über das Leben mit der ganzen Familie unter einem Dach. Zu Gast ist Dr. Renate Weber, Psychologin und Familientherapeutin. Frau Dr. Weber, klingt das nicht wunderbar? Immer jemand zum Reden, Hilfe ist nah – warum raten Sie dennoch oft zur Vorsicht?
Dr. Weber: Nun, die Idee ist romantisch, aber die Realität sieht oft anders aus. In meiner Praxis sehe ich häufig Familien, die an genau diesem Modell zerbrechen. Das Hauptproblem ist die Erwartungshaltung. Die junge Generation erwartet oft kostenloses, ständiges Babysitting, während die ältere Generation Pflege und Unterhaltung erwartet. Wenn diese impliziten Verträge nicht offen ausgesprochen werden, entstehen schnell Enttäuschungen und Vorwürfe.
Moderator: Wo liegt das größte Konfliktpotenzial?
Dr. Weber: Ganz klar bei der Einmischung in die Erziehung und der Privatsphäre. Wenn die Großmutter im Erdgeschoss wohnt, kommentiert sie vielleicht jeden Schritt der Enkel oder kritisiert, wie die Tochter kocht. Das führt zu massiven Spannungen. Die sogenannte 'Sandwich-Generation' – also die Eltern in der Mitte – leidet am meisten. Sie fühlen sich oft von beiden Seiten unter Druck gesetzt: oben die fordernden Kinder, unten die bedürftigen Eltern.
Moderator: Also lieber getrennt wohnen?
Dr. Weber: Nicht unbedingt, aber man muss realistisch sein. Räumliche Trennung innerhalb des Hauses ist essenziell. Getrennte Eingänge, eigene Küchen sind wichtig. Und man muss lernen, 'Nein' zu sagen, ohne Schuldgefühle. Nähe kann sehr schön sein, aber Nähe kann auch erdrücken. Wer Konflikte scheut und nicht offen kommunizieren kann, für den ist dieses Wohnmodell oft eine Falle. Man gibt seine Autonomie ein Stück weit auf. Das muss man wollen und können.